Was ist eigentlich ein Haiku ?



Das Haiku ist ein lyrisches Gedicht der "Superlative": Es ist die kürzeste literarisch anerkannte Gedichtform der Welt, es gibt kaum eine Sprache oder ein Land, in dem nicht Haiku geschrieben und gelesen werden, es erregt das Interesse aller Berufsgruppen und Altersstufen zwischen vier und 100 Jahren, es ist die einzige Gedichtform, deren Pflege sich weltweit zahlreiche Gesellschaften widmen, die im Internet mit z.Zt. über 600 Beiträgen aus aller Welt die populärste Lyrikform darstellt, die jährlich tausende von eigens ihr gewidmeten Zeitschriften füllt und zu unzähligen Wettbewerben anstiftet. Das Haiku entstammt der japanischen Literatur und hat sich dort seit dem 9. Jahrhundert aus dem fünfzeiligen Tanka (5-7-5-7-7 Silben) und der populären Renga-Dichtung des 14. Jahrhunderts entwickelt. Der größte japanische Haiku-Dichter Matsuo Bashô gab dem Gedicht im 17. Jahrhundert seine noch heute gebräuchliche anspruchsvolle inhaltliche Prägung und verhalf ihm zu einer ungeahnten Blüte. Für ein Haiku gilt grundsätzlich die Form von drei Zeilen mit je 5𤪛 Silben. Es beschreibt ein Naturerlebnis in einer bestimmten Jahreszeit, wobei diese auch durch ein Jahreszeitenwort (z. B. Knospen für Frühling) angedeutet werden kann. Die Wahrnehmung entwickelt sich in der ersten Zeile, strebt einer Gedankenpause in der Mitte oder am Ende der zweiten Zeile zu ehe es sich der oft überraschenden Lösung in der dritten Zeile zuwendet. Die Gedankenpause kann durch ein Satzzeichen gekennzeichnet sein (z. B. auch Bindestrich) und wird durch ein Schneidewort bedingt. Um der Gefahr reiner Bildbeschreibung oder gedankenlyrischer Kommentare zu entgehen, bedarf es in diesem so kleinen Gedicht einer spürbaren Bewegung. Diese wird erreicht durch den Gebrauch von Verben in der Gegenwartsform und durch die Gestaltung von zwei Polen die in einer gewissen Spannung zueinander stehen (z. B. Eis Wasser). Das Kurzgedicht erfordert hohe sprachliche Disziplin und einen mittragenden Rhythmus. Zu vermeiden sind Reime, Worttrennungen über das Zeilenende hin, Fremdwörter und Wortwiederholungen. Der Autor sollte sich selber ganz zurücknehmen, seine Darlegung sollte nur dem Geschehen gelten und keine Meinungsäußerung oder philosophische Schlussfolgerung sein. Nur so erreicht das Gedicht die ihm innewohnende Transzendenz und seine Offenheit zum Ende hin, die es auch dem Leser (Hörer) erlauben, das Erlebnis nachzuvollziehen und mit eigenem Empfinden zu füllen. (Margret Buerschaper M. A., ehemalige Vorsitzende der Deutschen Haiku-Gesellschaft)