Die Hexe und ihr Ehemann

aus:
Das große Buch der Märchen.
Hrsg. von Monika A. Weißenberger,
Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt / Main 1993



Vor langer Zeit lebten in Schottland ein alter Mann und seine Frau. Der Alte war friedfertig und gut und bei jedermann beliebt. Die Frau aber war wankelmütig und sonderbar. Die Nachbarn sahen sie schief an und flüsterten einander zu, sie sei eine Hexe. Ihr Mann befürchtete das auch, denn von Zeit zu Zeit verschwand seine Frau in der Dämmerung und blieb die ganze Nacht fern von daheim. Wenn sie morgens heimkehrte, sah sie ganz blaß und erschöpft aus, als sei sie weit fort gewesen oder habe harte Arbeit hinter sich. Obwohl er sie sorgsam beobachtete und zu ergründen suchte, wohin sie eigentlich gehe, gelang ihm das niemals. Immer schlüpfte sie aus der Tür, wenn er einmal nicht achtgab, und bevor er ihr folgen konnte, war sie verschwunden. Als er schließlich die Ungewißheit nicht länger ertragen wollte, fragte er sie geradeheraus: "Bist du eine Hexe oder nicht?"
Das Blut gerann ihm in den Adern vor Schrecken, als sie ihm ohne zu zögern antwortete: "Ja, ich bin eine Hexe, und wenn du mir versprichst, daß du es niemandem weitererzählst, werde ich dir nach dem nächsten Hexenausflug alles berichten." Der gute Mann versprach es, denn er wollte so viel wie nur möglich über die Zauberkünste seiner Frau erfahren.
Er brauchte nicht lange zu warten. In der folgenden Woche war Neumond, und jeder weiß ja, daß Neumond die beste Zeit für die Hexen ist. In der ersten Neumondnacht schon verschwand die Alte und kehrte erst bei Morgengrauen wieder zurück.
Als er sie fragte, wo sie gewesen, fing sie fröhlich an zu erzählen.
"In der alten Heide hinter der Kirche traf ich mich mit meinen vier Gefährtinnen. Wir bestiegen grüne Lorbeerzweige und Schierlingstengel. Diese verwandelten sich sogleich in Pferde, und wir ritten auf ihnen schnell wie der Wind über das Land, um Füchse, Wiesel und Eulen zu jagen. Danach durchschwammen wir eine Furt und erreichten den Gipfel des Bell-Lomond. Dort sprangen wir von den Pferden und tranken Bier, das in keiner irdischen Brauerei gebraut, aus Hörnern, die keine sterbliche Hand geformt. Danach kam ein winzig kleines Männchen unter einem bemoosten Stein hervor, das einen zierlichen Dudelsack unter dem Arm trug. Das Männchen blies so schön, daß die Forellen aus dem Wasser hochschnellten und die Hermeline aus ihren Löchern hervorhuschten. Und die Raben und die Reiher kamen im Finstern und setzten sich auf die Bäume, um zu lauschen. Wir Hexen tanzten, bis wir müde wurden und kaum mehr auf unsern Rössern reiten konnten, als wir vor dem Hahnenschrei heimkehren sollten."
Schweigend lauschte der brave Mann der langen Geschichte. Mehrmals schüttelte er den Kopf und sagte: "Ihr hättet es daheim gemütlicher gehabt. Was habt ihr nur von all dem Getanze?"
Beim nächsten Neumond verschwand die Alte wiederum zur Nacht, und als sie bei Morgengrauen zurückkehrte, erzählte sie: "Dieses Mal haben wir Herzmuschelschalen als Boote genommen und sind über die stürmische See bis Norwegen gesegelt. Dort bestiegen wir unsichtbare Sturmpferde und sind über Berge, Schluchten und Gletscher bis ins Land der Lappen geritten, wo noch Schnee lag. Hier aber feierten alle Elfen, Feen und Meerfrauen des Nordens ein Fest mit den Zwergen, Zauberern und Kobolden, die noch nie ein menschliches Auge erblickt hatte. Sogar der wilde Jäger selbst ist zu dem Fest gekommen. Und wir Hexen tanzten, schlemmten und sangen mit ihnen. Auch lernten wir neue Zauberworte von ihnen, Worte, die durch die Lüfte tragen, alle Riegel und Schranken sprengen und zu jedem Ort Zutritt verschaffen, an den man sich wünscht. Trunken von all der neuen Weisheit sind wir dann heimgekehrt."
"Wie seid ihr nur auf ein solches Land verfallen", brummte der Alte. "In euren Betten wär's ein guter Teil wärmer gewesen."
Doch als die Frau von ihrem nächsten Abenteuer heimkehrte, wurde er aufmerksamer auf ihr Treiben. Sie erzählte ihm nämlich, daß sie und ihre Freundinnen in einer Hütte zusammengekommen wären, und dort sei ihnen zu Ohren gekommen, daß der Lordbischof von Carlisle einige seltene Weine in seinem Keller liegen habe. Rasch hätten sie ihre Füße auf den großen Haken gesetzt, an dem der Wasserkessel im Kamin hing, und die Zauberformeln von Lappland gesprochen. Und ehe sie sich versahen, flogen sie wie Rauchschwaden durch den Kamin und segelten wie Federwölkchen durch die Lüfte. Schneller als es sich berichten ließe seien sie zum Bischofspalast gekommen. Riegel und Schranken seien zurückgewichen, sie seien in den Keller hinabgestiegen und hätten den Wein gekostet. Doch beim ersten Hahnenschrei seien sie nüchterner als andere alte Weiber zurückgekommen.
Als der Alte dies hörte, erhob er sich von seinem Stuhl, denn er liebte guten Wein über alles, fand aber selten Gelegenheit, welchen zu kosten.
"Meiner Treu!" rief er. "Du bist wahrlich ein Weib, auf das man stolz sein kann. Sage mir doch die Zauberworte, denn ich will mich auch aufmachen und seiner Lordschaft Wein persönlich versuchen."
Doch die Frau schüttelte den Kopf und sprach: "Nein, nein, das darf ich nicht. Täte ich's, so sagtest du es weiter, und bald würde die ganze Welt auf dem Kopf stehen. Jedermann würde seine Arbeit im Stich lassen, über die Erde dahinfliegen und nach den Leckerbissen der anderen gierig sein. Sei zufrieden, Alter, du hast genug und kommst schon durchs Leben mit dem, was du weißt."
Obgleich der Mann versuchte, sie mit den zärtlichsten Beteuerungen zu überreden, wollte sie ihm ihr Geheimnis nicht preisgeben. Aber der Alte war schlau, und der Gedanken an den Wein des Bischofs ließ ihn nicht ruhen. So ging er Nacht für Nacht zu jener Hütte, denn er hoffte, seine Frau und ihre Gefährtinnen würden sich dort wieder treffen.
Eine lange Zeit hindurch war alles vergeblich. Aber endlich, eines Abends, versammelten sich die fünf Weiber wieder, liefen zur Feuerstelle, kletterten eine nach der anderen auf einen Stuhl und setzten ihren Fuß auf den rußigen Haken im Kamin. Darauf flüsterten sie die Zauberformel, und hui wir der Blitz verschwanden sie den Rauchfang hinauf, bevor der Alte nur Atem schöpfen konnte.
Das kann ich auch, sagte sich der Alte, kroch aus seinem Versteck hervor und lief zur Feuerstelle. Hier setzte er seinen Fuß auf den Haken, wiederholte die Zauberworte und hinauf ging's durch den Schornstein, und er flog durch die Lüfte, seiner Frau und ihren Hexen nach. Da Hexen nie über die Schultern sehen, bemerkten sie ihn erst, als sie den Bischofspalast erreicht hatten und in den Keller schlüpften. Sie waren höchst verwundert und nicht allzu erfreut, ihn zwischen sich zu finden. Immerhin half nun alles nichts, und sie ließen sich mit ihm zusammen nieder, zapften erst dieses Faß und dann jenes, tranken von jedem ein wenig, doch nicht zuviel, denn sie waren vernünftige Weiber und wußten, daß sie klare Köpfe behalten mußten, um beim ersten Hahnenschrei zurückzufliegen. Doch der Alte war nicht so weise. Er schlürfte und schlürfte und trank, bis er ganz schläfrig wurde. Und zuletzt fiel er auf den Boden nieder und schlief ein. Als seine Frau dies sah, meinte sie, das sei eine gerechte Bestrafung für seine Neugierde, und als der Hahn krähte, machten sich die fünf Weiber auf, ohne ihn zu wecken.
Indessen schlief er friedlich einige Stunden, und als zwei Diener des Bischofs in den Keller kamen, um Wein für ihres Herren Tafel zu holen, wären sie in der Dunkelheit fast über ihn gefallen. Höchst erstaunt, ihn hier vorzufinden, da der Keller fest verschlossen war, schleppten sie ihn ans Tageslicht, schüttelten und knufften ihn und fragten ihn, wie er durch die verschlossenen Türen gekommen sei. Der arme Alte war so verwirrt von alledem. In seinem Kopf drehte sich alles, und er stammelte, er sei mit dem mitternächtlichen Wind gekommen.
Als die Diener dies hörten, schrien sie, das sei ein Zauberer, und zerrten ihn vor den Bischof. Und da die Bischöfe in jenen Tagen einen Schrecken vor Zauberern und Hexen hatten, wollte ihn der Bischof lebendig verbrennen lassen. Als das Urteil verkündet wurde, bebte und zitterte der arme alte Mann und wünschte sich, er wäre lieber daheim in seinem Bett geblieben als des Bischofs Wein zu kosten. Aber nun war es zu spät, sich das zu wünschen. Die Knechte legten ihn in Ketten, trugen ihn hinaus auf den Hof und fesselten ihn an einen großen eisernen Pfahl. Dann schichteten sie Reisigbündel um seine Füße und zündetn sie an.
Als die ersten Flammen emporzüngelten, glaubte der arme Alte, seine letzte Stunde sei gekommen. Doch hatte er bei dem Schrecken völlig vergessen, daß seine Frau eine Hexe war. Gerade als die Flammenspitzen begannen, seine Kleider zu versengen, erhob sich ein Sausen und Flattern in der Luft, und am Himmel erschien ein großer, grauer Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. Im Schnabel trug er eine kleine rote Nachtmütze. Der Vogel stieß herab, setzte sich auf die Schultern des Mannes und stülpte zum Erstaunen aller dem Gefangenen die Mütze über. Dann ließ er ein grimmiges Krächzen hören und flog wieder davon. Aber für den Alten Ohren war dies Gekrächze die schönste Musik, die er je gehört, denn er erkannte, daß dies nicht das Krächzen eines irdischen Vogels war, sondern die Stimme seiner Frau, die ihm Zauberworte zuraunte. Kaum hatte er diese wiederholt, da fielen seine Ketten ab, und er stieg in die Lüfte, höher und höher, während ihm die Blicke der Zuschauer in ehrfürchtigem Schweigen folgten.
Er flog geradewegs nach Hause, ohne ihnen Lebewohl zu sagen, und als er sich wieder geborgen zu Hause fand, versuchte er nie wieder - das könnt ihr glauben -, die Geheimnisse seiner Frau nachzuforschen, und in Zukunft ließ er sie allein mit ihren Künsten.