Liisa
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Ich bin nicht die Welt

Du sagst,
ich sei die Welt für Dich -
was willst Du Dich so beschränken?
Ich bin nicht die Welt,
bin nur ein Stück des Weges
den Du gerade gehst,
bin nur ein einzelner Faden,
im Gewebe Deines Lebens,
bin nur ein Stern an Deinem Firmament,
schau hin, erobere die Welt, die ganze,
die viel mehr ist als nur ich
und erdrück mich nicht,
indem Du sagst,
ich sei die Welt für Dich.

2003 Liisa



Ich tünche meine Worte weiß

Ich tünche meine Worte weiß,
drehe sie zum Trocknen
hin zur Sonne,
noch blendender strahlt
das Weiß,
hinter dem meine Worte,
- verborgen -,
ein dunkles Dasein fristen.
Die Menschen,
lieben strahlendes Weiß -
und die Sonne,
Reminiszenz an Urlaube
in Griechenland;

Blau gab es dort auch:
der Himmel, die Stühle,
das Meer, die Boote ...
aber das Blau der Tinte,
mit der meine Worte
geschrieben,
das mögen sie nicht,
oder doch!;
aber ganz sicher
nicht das Blau,
der Abgründe,
die hinter meinen Worten
lauern, so tünche ich,
Ich tünche meine Worte weiß.

2003 Liisa



Verwaister Garten

Ein verwaister Garten bin ich,
denn du bist fort,
du tränkst mein Grün nicht länger
mit morgendlichem Tau,
auch meine Freudenblumen,
segnest du nicht länger,
mit deinem Blick voll Freude
über jede neu erblühte Knospe,
wild wuchern die dunklen Wipfel
meiner Sorgenbäume, denn du
beschneidest nicht mehr ihre Äste;
was ich an Ernte hervorgebracht,
verfault am Boden, stinkt zum Himmel,
du sammelst nicht mehr in die Körbe.
Sag, kann es etwas Traurigeres geben,
als einen so verwaisten Garten?

2003 Liisa



Mit leichten Schritten

Mit leichten Schritten,
will ich gehen,
nur mein Herz,
das ist mir schwer,
meine Augen trocken,
in mir alles still,
kein Echo in der Leere.

Mit erhobenem Kopf
will ich gehen,
nur mein Blick,
der ist gesenkt,
blind such ich den Weg,
tastend meine Hände,
wo gar kein Halt.

Mit leisem Lächeln,
will ich gehen,
nur mein Mund,
er zuckt,
ringt um Worte,
die doch nicht
über meine Lippen kommen.

2002 Liisa


Flüchtig

In die Ferne fliehst du
statt hier zu sein,
unter Fremden suchst du,
was du hier finden könntest,
verschleuderst dein Herz,
statt es hier zu verschenken,
läßt dich verwunden von ihnen,
immer und immer wieder,
mir aber erlaubst du nur
deine Wunden zu pflegen,
wenn du dich blutend wieder
heimgeschleppt hast,
du erzählst von Abenteuern,
und wir wissen beide,
so war es nicht,
du sprichst von Glück und Liebe,
und wir wissen beide,
es war nicht Glück, nicht Liebe,
ich aber nicke,
als wenn ich jedes Deiner Worte glaubte,
vielleicht haßt du mich gerade deshalb so sehr,
weil du weißt, ich kenne die Wahrheit,
durchschaue die Lüge, und schweige,
zerre sie nicht ans Licht,
zwinge dich nicht,
die Wahrheit zu sprechen,
ich will, daß du selbst es willst,
nicht, weil ich dich gezwungen
oder gar angefleht habe,
und so fliehst du weiter in die Ferne,
verschleuderst dich an Fremde,
läßt dich verwunden, wieder und wieder,
wann wirst du es müde sein
und heimkehren zu mir?

2002 Liisa



Du sagtest: "Das nennt man Glück"

Du kamst
und löstest den Panzer,
der mir schon längst
zu eng geworden war.
Du nahmst mich
an die Hand und mit
hinaus ins Leben.
Mit dir lernte ich
lachen und Dinge sehn,
die ich zuvor nicht sah.

Du führtest mich,
ich folgte dir
blindlings, vertrauensselig.
Du sagtest: "das nennt man Glück!"
Ich glaubte dir!
Doch du, du führtest mich
lächelnd - in einen Abgrund.
Entsetzt
stand ich plötzlich still,
sah dich in einem andern Licht.

Ich wich zurück und mühsam
Schritt für Schritt
entstieg ich allein
dem Abgrund, während du
riefst und locktest
und batest ich solle bleiben.
Ich wandte mich still
und ging davon - dein Schreien
hallte hinter mir.

Noch immer kreuzt du meine Wege,
quälst mich mit deinen Worten,
deinen Blicken,
zwingst mich
in einen neuen Panzer,
der enger ist als jener,
den du mir einst genommen.
Du wühlst in meinem Herzen
und tust als wüßtest du es nicht.
Ich frage mich,
wie konnte ich dir folgen?

1996 Liisa



Traumverloren

Sie kommen immer
und immer wieder
ohne Ende
in langer Reihe
die Träume,
die Vergangenheit
nicht Vergangenheit
sein lassen.

Wie stille Schatten
schleichen sie heran,
versuchen sich selbst
einen harmlosen Anstrich
zu geben, in der Hoffnung
mich zu täuschen;
doch ich kenne sie
zu gut, nach all den Jahren.

Manche springen auch
hervor aus den dunklen
Ecken der Nacht,
plötzlich, gewalttätig,
ohne Gnade
mitten in mein Gesicht;
zerreißen meinen Seele
auf's Neue in Fetzen.

Dann schüttelt mich
die Angst, packt mich
das Grauen,
daß Traumbilder nicht
Traumbilder sind;
verzweifelt greife ich
hinaus in die Dunkelheit
hoffe auf eine Hand.

Eine Hand, die da ist
und meine Hand ergreift
mich herausführt aus
den Traumwelten;
in denen ich verwirrt
und blind von meinen Tränen
herumstolpere
auf der Suche nach dem Ausgang.

2001 Liisa



In der Mitte

Die Momente
kehren häufiger wieder,
in denen ich ahne,
daß sich die Möglichkeiten
nicht mehr so zahlreich
darbieten,
die Fehler, die ich begehe
weniger werden sollten,
die gesammelten Erfahrungen
eine andere Qualität gewinnen,
der Abstand zur Jugend
offenbar wird,
ich für mich selbst
die Verantwortung übernehmen muß,
mich nicht mehr hinter dem
breiten Rücken anderer
verstecken kann,
ich bedauere,
was nicht mehr werden kann
und erhoffe,
was noch eine Chance hat
verwirklicht zu werden.

Es ist der Abschied
von Kindheit und Jugendzeit;
die Mitte des Lebens,
nicht mehr die Unruhe und
Unbeständigkeit junger Jahre
aber auch noch nicht
die Ruhe und Abgeklärtheit,
die wissende Geduld,
des Alters.
Seltsam, in der Mitte zu stehen
und sich zu fragen,
wie lange diese Mitte anhalten wird,
wann der Moment kommen wird,
in dem die Momente häufiger
wiederkehren, in denen uns
klar wird, daß auch die Mitte
vorüber ist und wir
im letzten Abschnitt
angekommen sind.

2001 Liisa



Stille Bettler

Seht Ihr die Menschen,
die sich am Rande
der Plätze herumdrücken?
Die wie Schatten
zwischen Euch herumlaufen?
Die es verstehen, sich klein
und unsichtbar zu machen?
Nicht aufzufallen, niemanden
zu verärgern?
Seht Ihr sie?

Es sind stille Bettler,
nicht die, mit Hut vor sich
und Hund an der Seite,
aber doch Bettler.
Sie warten still
auf einen Blick, der doch
an ihnen hängenbleibt,
und nicht nur über sie
hinwegschweift.
Sie warten still auf die Reste
eines Lächelns, die für sie
abfallen von dem breiten
Lächeln, daß ein anderer
geschenkt bekam.
Sie warten still, daß jemand
auch noch ein Wort für sie
übrig hat.
Sie warten still, daß jemand
sieht, was sie sind
und sich nicht verächtlich
abwendet, sondern einfach
nur ein bißchen Menschlichkeit
verschenkt.

Ob manche Menschen überhaupt
wissen oder wenigstens ahnen,
was ihr Lächeln
für einen solchen stillen Bettler bedeutet?
Wie ein paar freundliche Worte
diesen Bettler wieder durch
einen kalten Tag hindurchwärmen?
Wie ihr aufmunternder Blick
den Funken der Hoffnung,
daß doch noch alles gut wird,
am Glimmen hält oder sogar
wieder zu einem kleinen
Feuer entfacht?
Ob sie es wissen?

2001 Liisa




HAIKU

Abendsonnengold
liegt über dem weiten Tal
Ruhe auf dem Feld.


Sonnenstrahl berührt
die Blumenkelche zärtlich
Tautropfen glitzert.


Im Morgengrauen
ein Frosch sein Liebeslied quakt;
Klappern hallt als Echo.


Wollgras wiegt im Wind.
Wolken ziehen schnell dahin.
Erster Tropfen fällt.


Licht fällt durch Blätter
zeichnet grüne Schatten auf
nadelweichen Grund.




GastautorInnen bei "wortgetreu"