Annett Wiede-Weidner
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Leben

Leben heißt hoffen,
und manchmal betroffen.
Heißt suchen und finden,
bleiben, verschwinden.
Heißt lieben und hassen,
leuchten, verblassen.
Heißt auf und nieder,
Glanz und Fieber.
Heißt Kampf und Macht,
Tag und Nacht.

Leben heißt bangen,
und manchmal befangen.
Heißt fallen und bleiben,
zusammen, dann scheiden.
Heißt müde und munter,
mal oben, mal drunter.
Heißt gieren und schmieren,
gewinnen, verlieren.
Heißt schreien und flüstern,
prüde und lüstern.

Leben heißt lachen
und manchmal entfachen.
Heißt kriechen und rennen,
vergnügt, verpennen.
Heißt spinnen, versponnen,
haltlos, besonnen.
Heißt denken, gedacht,
Kummer gebracht.
Heißt vor und zurück,
Wehmut und Glück.

Annett Wiede-Weidner




Gerade jetzt

Ich fühl mich wohl
Ich fühl mich nicht
Gerade jetzt
Ganz fürchterlich
Ich seh mich an
Ich seh mich nicht
Wer bist du gleich
Das Tageslicht
Ich fang mich auf
Ich fang mich nicht
Bleib stehend liegen
Wunderlich
Ich treib davon
Ich treibe nicht
Nur oberflächlich
Weggewischt
Ich schreie laut
Ich schreie nicht
Mein totes Ohr
Beängstigt mich
Ich fühle dich
Ich fühl dich nicht
Warme Hände
Lächerlich
Ich blick nach vorn
Ich blicke nicht
Zurückgeblieben
Such mich nicht
Ich fühl mich wohl
Ich fühl mich nicht
Gerade jetzt
Ganz fürchterlich.

Annett Wiede-Weidner




Straßenkind

Wo kommst du her?
Wo gehst du hin?
Hat dein Leben einen Sinn?

Wie jung bist du?
Wie viele Jahre wirst du zählen?
Konntest,
durftest du denn wählen?

Wer willst du werden?
Wer wirst du sein?
Hast du eine Chance,
so allein?

Wer war für dich da?
Wer ist bei dir?
Wie hältst du das aus?
Bitte!
Sprich mit mir!

Was kann ich tun?
Ich helf dir gern.
Ich bin dir nah
und doch so fern.

Komm!
Lass uns reden!
Komm!
Lass uns planen!
Lass uns den Sinn
nur halb erahnen.

Wo kommst du her?
Wo gehen wir hin?
Komm!
Wir geben dem Leben
einen Sinn!

Annett Wiede-Weidner




Das Zimmer

Allein bist du, im kalten Zimmer,
umgeben von Stille und Tränengeflimmer,
Gedanken des Schreckens werden geboren
und dieses Gefühl:

Ich bin verloren!

Umsponnen wirst du, von Gleichgültigkeit,
von trostlos, gekünstelter Heiterkeit.
Dein Tag im Zimmer wird zur dunkelsten Nacht,
die Stimme der Einsamkeit flüstert und lacht.

Du findest die Zimmertür nicht mehr.
Sie bleibt verschlossen,
das Zimmer leer.
Nur du, auf deinem Stuhl.

Alle Schranken schließen sich.
Du redest, hörst und siehst jetzt nichts.
Bist festgeklebt, bewegungsschwer,
vereinsamt, krank und selber leer.

Und dann der Schrei!

Endlich!
Ist die Nacht vorbei.
Schweißgebadet springst du auf,
rennst zum Fenster, schaust hinaus.
Sonne da, der Himmel blau,
neben dir steht deine Frau.
"Guten Morgen! Lieber Schatz."
trällerst du den Jubelsatz.

Oh, ich dank dir, lieber Gott,
das ich fortkam von dem Ort,
der mich des Nachts im Traum erschreckte,
jedoch ich dadurch nun entdeckte,
was wichtig ist in meinem Leben:

Verständnis, Wärme, Liebe geben.

Annett Wiede-Weidner




Verglühe nie

Herz aus Kristall
Heraus wächst ein Licht
Blinder Tränenwall
Alles für dich

Rauch
Vergiftung
Atemnot
Zündeln
Hitze
Feuertod

Brenne Herz
Gläsernes Herz
Verglühe nie
Alles für dich

Annett Wiede-Weidner



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